Genug – Muße als Lebensprinzip

Wie viel ist wirklich GENUG? Unsere Gesellschaft ist entweder mit Konsumieren beschäftigt oder mit Geld verdienen für den Konsum. Das ist doch fragwürdig…

Ich stelle mir die Frage, warum Menschen beispielsweise einen akademischen Beruf erlernen? Was war ist ihre Motivation? Als Jugendliche und junge Erwachsene wird man angetrieben von der Vorstellung, dass eine gute Ausbildung, und womöglich ein Studium, Garant ist für ein sorgenfreies Leben sind. Aber stimmt das wirklich? Manche Menschen ergreifen einen Beruf, um ihre Interessen und Fähigkeiten einzubringen. Manche hingegen sind der Verlockung des Geldes verfallen, die eine bestimmte Berufswahl mit sich bringt. Sie denken, dass Geld ihnen Anerkennung, Freude, Sicherheit und die Abschaffung von Angst bringt. Vor allem Letzteres ist eine nicht zu unterschätzende Motivation.

Angst bestimmt unseren Alltag und daraus auch unser Handeln. Wir vergleichen uns mit anderen und bekommen sofort Angst, nicht gut genug zu sein. Dieses Gefühl des eigenen Un-Wertes treibt uns an. Treibt uns an mehr zu wollen und es letztendlich auch oft zu kriegen. Wir machen Überstunden, können nicht Nein sagen, nehmen mehr Verantwortung auf uns, als uns lieb ist und überhören Signale unseres Körpers, der diesem Zuviel manchmal einfach nicht mehr gewachsen ist.

Je mehr wir haben, desto mehr wollen wir. Je erfolgreicher wir sind, desto erfolgreicher wollen wir sein. Es ist eine Sucht – eine Suche nach MEHR. Die ursprüngliche Frage, warum man einen Beruf erlernt hat, gerät in den Hintergrund und begräbt sozusagen die einstigen Werte und Vorstellungen von einem guten Leben mit einem Sinn stiftenden Beruf.

Und nun kommt die Muße ins Spiel. Schon in der Antike war Arbeit dazu da, Muße zu ermöglichen. Immer wieder wurde in der Vergangenheit philosophisch davor gewarnt, den Müßiggang nicht zu vergessen. Wissen, wann genug ist. Das Leben entschleunigen, Pausen einlegen, uns mit der Natur verbinden und soziale Kontakte pflegen. Doch am Wichtigsten: Die Beziehung zu uns selbst pflegen und mit uns selbst befreundet zu sein. Man sollte seinen Körper nicht verdammen, nur weil er nicht jeden Tag einwandfrei „funktioniert“. Krankheit gehört zum Leben, das ist auch eine Einsicht der Muße. Krankheit als Regeneration des eigenen Körpers zu sehen. Dem Körper die Chance zu geben, sich selbst zu heilen, anstatt alle Warnungen und Anzeichen zu übergehen und mithilfe von Medikamenten die Symptome zu bekämpfen. Loslassen und Annehmen, das sind Bestandteile der Muße.

Dann ist da noch der Genuß, den man nicht nur im hedonistischen Sinn zu sehen hat. Genuß im Sinne von Dankbarkeit. Wir sollten uns fragen, warum wir unsere Arbeit tun. Dankbar sollten wir sein, dass wir einen Platz in der Gesellschaft haben, wo wir unsere Kompetenzen nachhaltig einbringen können, wo wir gebraucht werden und sozial anerkannt sind.

Das Gehalt oder den Lohn, den wir für unsere Arbeit bekommen, sollten wir für unsere Muße verwenden. Für das, was uns Freude macht, für das, was wir wirklich brauchen. Und das ist nicht wirklich so viel, wie wir denken. Eine schöne Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen in Kombination mit einem Gespräch mit einem lieben Menschen kann mehr sein als eine Luxuskreuzfahrt, für die wir Überstunden ableisten, die uns viel Lebenszeit und Energie kosten.

Freude erhält man durch Dankbarkeit. Denn nur, wenn wir das Besondere im Alltäglichen sehen können, sind wir fähig, die wirklich kostbaren Dinge des Lebens von den unwichtigen zu unterscheiden.

 

 

Advertisements

Hochsensible Väter und Mütter

Ich finde es sehr anstrengend und zugleich sehr schön Eltern zu sein. Was für Normalsensible schon eine Herausforderung ist, gleicht für Hochsensible einer Expedition voller Hindernisse.

Die Schwangerschaft ist bereits die erste Etappe dieser Expedition. Fremdbestimmt, ja beinahe ferngesteuert, muss die werdende, hochsensible Mutter und auch der Vater mit der größten Veränderung des Lebens/Körpers fertig werden. Mir fiel und fällt es heute noch schwer, einzusehen, dass manche Frauen einfach „leichter“ Kinder kriegen, schneller und glücklicher mit dem Zustand klar kommen. Mit neidvollen Blicken beobachte ich oft schwangere Frauen und ihre (fast mit-schwangeren) Männer, die sich so sehr auf das Baby freuen. Warum war das bei mir nie so? Heute weiß ich, dass meine Hochsensibiliät eine nicht unwesentliche Rolle dabei gespielt hat. Die ständige Übelkeit, die ständige Müdigkeit schlug mir auf das Gemüt, ich war melancholisch und ängstlich. Ich fühlte mich so allein, so fremd mir selbst.

Die Geburt war ein traumatisches Erlebnis, denn ganz abgesehen vom Kaiserschnitt, war das Kind krank. Ein krankes Kind – und jetzt? Was habe ich falsch gemacht? Warum? Diese Fragen kamen unweigerlich. Es folgten mehrere Klinikaufenthalte, mehrere Operationen, Ärzte-Odyseen. Die tiefe, abgrundtiefe Angst, wie das Leben ab sofort sein würde, brachte mein Hochsensibilität schlussendlich ganz an die Oberfläche meiner Persönlichkeit.

 

ATEMPAUSE –

Das ist jetzt mehrere Jahre her, die Krankheit ist überwunden, die Hochsensibilität bleibt! Gott sei Dank!

Heute sehe ich es als Geschenk, endlich von ihr Notiz zu nehmen, endlich dazu stehen zu dürfen. Ich erlaube es mir.

Hochsensible Eltern sind schnell überreizt, spüren viel und sind dementsprechend auch schnell erschöpft. Doch dieses Persönlichkeitsmerkmal hat in meinem Fall meinem Kind das Leben gerettet. Und es hat auch meines gerettet. Ich lebe intensiv, bunt und authentisch. Ich empfinde tiefe Dankbarkeit.

Liebe hochsensible Väter und Mütter, eure Kinder haben euch ausgewählt. Es ist ein Gabe und eine Fähigkeit, die es zu nutzen gilt. Wenn ihr es noch nicht erfahren habt, werdet ihr es eines Tages.

Loslassen und nach vorne schauen – Hochsensibilität und Abschied nehmen

Der Begriff „Abschied nehmen“ impliziert schon, dass es sich um ein aktives Geschehen handelt. So einfach irgendwo weggehen, geht wohl nicht?! So einfach jemanden vergessen, geht wohl nicht?!

Geht nicht. Stimmt. Für einen hochsensiblen Menschen, der Eindrücke sehr intensiv verarbeitet, ist Loslassen und Abschied nehmen eine wirkliche Herausforderung. Mir geht es so, dass ich bei Veränderungen immer zuerst denke: „Ach toll, endlich mal was Neues!“ Typisch high-sensation-seeker und Hochsensible. Wie anstrengend und nachhaltig Veränderungen aber wirken, spüre ich erst seit einiger Zeit wirklich. Eben seit dem ich weiß, dass ich hochsensibel bin.

Nun bedeutet es also für mich, bewusst Abschied zu nehmen, bewusst Dinge und Menschen loslassen. Das ist ein Prozess – es geht nicht von heute auf morgen. Was aber sicherlich hilft, sind rituelle Handlungen. Zum Beispiel  muss ich bei gravierenden beruflichen oder privaten Veränderungen meinen Kleiderschrank aussortieren, mein Bett frisch überziehen, meine Galerie auf dem Handy komplett löschen, einen Fastentag einlegen usw. Natürlich tue ich nicht alle Dinge auf einmal. Aber immer, wenn Wehmut gepaart mit Angst auftritt, hilft es mir, diese Rituale zu vollziehen. Angst – ein großes Thema bei mir in Veränderungssituationen. Gerade gegen Abend, wenn ich müde werde nach einem 12 Stunden-Tag, steigt bei mir regelmäßig die Befürchtung auf, ich könnte etwas falsch machen, etwas könnte mir nicht gelingen, etwas könnte ich vergessen ….. Hätte, hätte, Fahrradkette… Die Angst eben – die antizipierte Nichtbewältigung einer bevorstehenden Situation.

Tritt nun diese antizipierte Nichtbewältigung auf, versuche ich immer wieder, auch dieses Gefühl auszuhalten, nicht sofort zu handeln. Die rituellen Handlungen, von denen ich sprach, haben nicht diese Tragweite – sie sind nur kleine Hilfestellungen. Ich brauche so lange, um die Umbruchsituation in meinem Leben verarbeiten zu können, da haben das andere Menschen schon lange gerafft und sind in ihrem neuen Leben angekommen.

Macht nichts. Ich habe alle Zeit der Welt. Jeder lebt in seiner eigenen Welt. Das lerne ich immer wieder, jeden Tag aufs Neue.

EXPERIMENT Einfaches Leben

Jetzt ist es doch nicht so einfach, wie ich gedacht habe – Simplify your life…

Da wäre ich gleich dabei – aber wie? Ich denke darüber nach, nur noch so lange zu arbeiten, bis wir unser Häusle abbezahlt haben und vielleicht so lange, wie die Kinder noch zuhause leben.

Gut, so weit der Plan. Das macht mir aber schon ein bisschen Druck, wenn ich mir vorstelle, noch 15 Jahre oder länger in diesem Modus weiterarbeiten zu müssen. Ich bin Lehrerin und habe dementsprechend vergleichsweise viel Freizeit, aber die Zeit in der Schule ist knüppelhart. Das muss mal an dieser Stelle gesagt sein. Ich liebe meinen Beruf, keine Frage, aber als hochsensibler Mensch ist dieser Beruf tagtäglich eine wirkliche Herausforderung. Viele Menschen auf kleinem Raum, mächtige Geräuschkulisse, viele Anforderungen von allen Seiten…- die Liste würde sich endlos weiterführen lassen. Es ist einfach anstregend und Kräfte zehrend.

Mein Plan ist also: In meiner Familie sind wir 4 Leute. Wir leben hier zusammen auf 140qm Wohnfläche. Ziehen die Kinder eines Tages aus, sind wir nur noch zu zweit. Dann würde weniger als die Hälfte der Wohnfläche ausreichen. Weniger ist mehr. Mehr Freiheit, weil ich nicht mehr über so viele Quadratmeter hinweg Ordnung halten müsste – mehr Freiheit, weil für den Unterhalt meines „Dach-über-dem-Kopf“ nicht mehr so viel Geld aufbringen muss und, weil ich mir nicht mehr so viele Sorgen um so viele Dinge machen muss. Denn, weil ich wenig Wohnfläche habe, kann ich nicht mehr so viel besitzen. SPITZE – das mach ich!

Wir denken darüber nach einen Zirkuswagen umzubauen, in unseren Garten zu stellen und von dort aus das einfache Leben auszuprobieren. Und wenn uns das doch zu „wenig“ ist, können wir immer noch zurück in unser 140qm Landhaus ziehen – das ist ja nur ein paar Schritte entfernt.

Das Experiment beginnt…

Faszination Pferd – Hochsensible und eine Leidenschaft

Pferde – ihre Anmut, ihr scheues Wesen, ihren Drang nach Freiheit und ihre Schönheit machen diese Geschöpfe für mich so faszinierend.

Meine Vollblutaraberstute „Aaliyah“ verkörpert für mich den Inbegriff von Freiheit. Sie lässt sich nicht einsperren, Druck und Gewalt kontert sie mit Kampf und eine zu starke Hand lässt sie abstumpfen. Aber auch ihr Fluchtverhalten und ihre Rückzugstendenz – alles Attribute, die mir als hochsensible Persönlichkeit entsprechen.

Vor einiger Zeit starb ihre Weggefährtin – eine Stute, die zu dieser Zeit, ich würde sagen, ihre „bessere Hälfte“ war. Damals kam Aaliyah von ihrer Mutter weg und kam zu dieser Stute, die ihr Wegweiser und sicheres Zuhause in einem war. Schlagartig, ohne Vorwarnung, schied diese nach langen gemeinsamen Jahren aus ihrem Leben. Was darauf folgte waren Monate der Trauer, in denen Aaliyah kaum noch gefressen hatte und stark abmagerte. Ihre Augen waren leer. Es war, als stände ihr eigener Tod vor der Tür. Es schien, als hätte sie sich aufgegeben.

Doch dann kam das Frühjahr. Sie ging viele Stunden allein auf die Weide und nährte sich von dem frischen, saftigen Gras. Sie nahm wieder zu und bekam den Glanz in den Augen zurück. Und da wusste ich: Pferde sind resiliente Wesen. Was man ihnen vielleicht nicht zutraut, weil sie ängstlich und scheu wirken. Doch diese Resilienz kommt vom tiefen Inneren – dieser tiefen inneren Schönheit, die ihnen Kraft gibt.

Die ganzen Versuche das Pferd aufzufüttern und sie „in Watte zu packen“ half nichts – sie musste selbst gehen und sich selbst wieder finden.

Heute beobachte ich sie immer noch, während sie zufrieden auf der Weide grast und staune darüber, wie viel sie mir damit sagen wollte.

 

Hochsensibel reisen – Was bedeutet Urlaub?

Verreisen – schon immer ein Reizthema für mich. Als Kind habe ich immer auf die Fahrt gefreut. Ich fand es sehr aufregend, nachts im Auto zu sitzen, mein Vater lenkte den Wagen,   und ich bestaunte die vielen Lichter auf den Autobahnen. Wenn wir dann da waren, war die Euphorie schnell verflogen, denn nur der Gedanke daran, nun in diesem fremden Bett zu schlafen und die seltsamen Gerichte in diesem fremden Land essen zu müssen, entfachte in mir sofort das Heimweh.

Mit meinem heutigen Wissen und Verständnis für mich selbst weiß ich, dass es für hochsensible Menschen äußerst schwierig sein kann, die vielen neuen Eindrücke und das ungewohnte Umfeld zu bewältigen. Hinzu kommt der immense Druck, sich doch jetzt auch freuen zu müssen, hat man sich doch das ganze Jahr auf diesen standesgemäßen Urlaub gefreut.

Tja, und genauso erging es mir jetzt wieder…

Ich frage mich, ob es Sinn machen würde – nein, ich glaube sogar, dass nun kein Weg mehr daran vorbeiführt, mich endlich mit der Frage zu beschäftigen: „Was bedeutet denn für MICH Urlaub?“ Das habe ich mich eigentlich noch nie gefragt. Ich war bisher eher der „Imitationsurlauber“: „Wohin verreisen Menschen aus meinem Umfeld? Welche Form wählen die?“ Das geht natürlich schief – und das jetzt schon viele Jahre lang…

Warum ich das tue? Ganz einfach: Ich war und bin ein Meister der Anpassung.  Ich konnte ich mich immer schon gut anpassen. Aber irgendwie geht das jetzt nicht mehr – zumindest bemerke ich, dass irgendetwas sich verändert hatte.

C. G. Jung sagte über die Lebensmitte: „Dann, in der geheimen Stunde am Mittag des Lebens … wird der Tod geboren.“ Ich bin nun „am Anfang“ der Lebensmitte und mir wird eben das bewusst:

DAS LEBEN IST ZU KURZ FÜR SCHLECHTEN URLAUB

Somit mache ich mich nun auf die Suche nach einer Urlaubsform, bei der ich, wieder zuhause angekommen, sagen kann: „Dieser Urlaub hat wirklich Spaß gemacht – ich fühle mich erholt und kann von den dort erfahrenen Dingen eine Weile zehren…“

How to enjoy – ein bisschen Dolce Vita

Passend zur Urlaubszeit habe ich mir überlegt, über das Thema „Genießen“ zu schreiben. Ich werde das Gefühl nicht los, dass die Generation meiner Eltern – sie sind heute um die 60 – nicht gelernt hat zu genießen.

Warum eigentlich, frage ich mich. Vermutlich, weil ihre Eltern Kriegs- bzw. Nachkriegskinder waren. Und natürlich haben die Not gelitten und das Motto hieß in den 50er Jahren: „Zu etwas kommen, Wohlstand und nie wieder nichts haben“. Ich beobachte aber beispielsweise bei meinem Vater, dass die Schattenseite dieser Tugend heißt: Ich klammere mich an alles, was materiell ist. Ich gebe nichts her. Ich kann mich von nichts trennen. Ich muss mehr haben. Da wundert es mich nicht, dass meine Generation fast schon genau das Gegenteil davon leben will, nämlich: MINIMALISMUS.

Vielleicht ist es ja die Rebellion gegen meine Eltern und ihre mir immer wieder eingebläuten Sätze wie: „Mädchen, aus dir muss was werden. Du musst dich anstrengen.“ Jedoch auf Platz 1 der unwahrsten Glaubenssätze meiner Eltern ist: „Da muss man sich einfach passen. Es liegt an dir. Du musst dich für dich entschuldigen“. BÄNG – das trifft das Mark der Seele.

Das Problem an der ganzen Geschichte habe nicht ich mit Mitte 30, sondern  mein Vater. Für ihn wird es in der Welt des 21. Jahrhunderts jetzt eng. Er kann nämlich eines nicht, und das ist GENIESSEN. Er kann nicht loslassen, nicht einsehen, dass er jetzt genug hat – zum Leben und zum Sterben.Manchmal erscheint er mir als genau die gleiche Person, die mit Mitte 30 hart an ihrer Karriere gefeilt hat, sich einen „guten Namen“ machen wollte, sich andauernd nach den Wünschen anderer gerichtet hat, nur eben heute im Körper eines alternden Mannes.

Manchmal fühle ich mich wie der weise Alte und meine Eltern kommen mir vor wie Teenager mit Anwartsschaftsrecht auf Seniorenteller – dann tun sie mir irgendwie leid. Was müsste geschehen, dass solche Menschen bewusster, demütiger und bescheidener werden und dadurch viel mehr im Hier und Jetzt leben könnten?

 

Ich werde darüber nachdenken müssen.